FH vs. Uni im Ingenieurwesen

Jedes Jahr aufs Neue entsteht bei den Absolventen der Hochschulreife die Frage, ob sie an einer Universität oder doch lieber eine Fachhochschule (FH) studieren sollten.

Nach erfolgreichem Bachelorabschluss kann man ebenfalls vor der Entscheidung stehen, ob ein Wechsel zu einer anderen Hochschule für einen Vorteile birgt. Jeder möchte immerhin bestmöglichste Ausbildung genießen


Wir möchten einige Tipps aus unseren eigenen Erfahrungen (beide Autoren haben mind. einen Hochschulwechsel erfolgreich vollzogen) mit euch teilen, um euch die Entscheidung zu vereinfachen.

Vorweg sei gesagt, dass wir versucht haben einige Punkte auf die meisten Hochschulen zu generalisieren. Ausnahmen kann es trotzdem geben. Alleine die Fachbereiche sind an der selben Hochschule z.T. sehr unterschiedlich geführt.



Organisatorisch




Um das Studium an einer Uni oder einer FH zu beginnen sind unterschiedliche Voraussetzungen nötig. Diese variieren von Hochschule zu Hochschule und Standort zu Standort stark und können nicht pauschal angegeben werden.


Die Vorlesungen sind an FHs meist kleiner und familiärer. Sie ähneln teilweise einer größeren Schulstunde. Die Professoren sind auch viel besser zu erreichen als an der Uni und kümmern sich um organisatorische Dinge für ihre Module. In der Uni wird diese Arbeit von Wissenschaftlichen Mitarbeitern (WiMi) erledigt, die in den meisten Fällen auch noch die Übungen zu den entsprechenden Vorlesungen halten. Allgemein ist das Übungsangebot an Unis, durch die zusätzlichen WiMis größer. So werden zusätzlich zu der Großgruppenübung, die es auch an der FH gibt, Kleingruppenübungen, Tutorien oder Repetitorien angeboten. Diese Angebote sind an der Uni zum Großteil freiwillig. An FHs gibt es deutlich mehr verpflichtende Veranstaltungen.



Inhaltlich/Fachlich



Nach der ersten Mastervorlesung an der Uni, sagte ein Kommilitone zu mir (Sven): "Die Vorlesung war doch mal praxisorientiert." Allerdings hatte er auch keinen Vergleich zu Vorlesungen an der Fachhochschule. Das kennzeichnet auch den größten Unterschied zwischen FH und Uni im Ingenieurwesen - die Praxis. FHs und Unis verfolgen verschiedene Ziele in der Ausbildung. Für die FH ist das Hauptziel Ingenieure auszubilden, die nach dem Bachelor genug Wissen und Handwerk angesammelt haben, um direkt nach Abschluss arbeitsfähig zu sein. Die Unis möchten Wissenschaftler ausbilden, die in aktuellen Themen an den Instituten forschen können. Das heißt nicht, dass FH-Studierende keine Forschung machen können und umgekehrt. Der Fokus ist in der Ausbildung aber deutlich anders gesetzt.


An den Fachhochschulen wird versucht ein breiteres Bild und das Gesamtverständnis zu vermitteln. Hierbei werden viele praxisrelevante Vereinfachungen und Annahmen gemacht.

Da diese Bereiche interessant für die Forschung sind, gehen die Unis zusätzlich auf Nebeneffekte und gemachte Annahmen ein. Weiterhin wird an der FH häufig auf ausführliche Beweisführung verzichtet, während ein Beweis in der Forschung unabdingbar ist. Die vereinfachte Theorie aus dem Bachelor der FH, wird im Master weiter vertieft. Im Uni-Master werden viele praxisnahe Stoffe durchgenommen, die an der FH schon im Bachelor enthalten sind.


Bezüglich der Modulauswahl haben die Unis durch ihre Größe und die Drittmittelförderungen ein größeres Angebot. In vielen Fällen können an der FH nur wenige Module frei gewählt werden. Im Master nutzen die Unis diesen Vorteil und bieten teilweise Studiengänge mit sehr viel Wahlfreiheit an. Dafür bieten FHs fast zu jedem technischen Fach Praktika im Labor an, bei denen man die gelernten Inhalte direkt an Versuchsaufbauten umsetzen kann. Diese sind direkt mit dem Fach verbunden und meistens Prüfungsvoraussetzung. An der Uni gibt es oft nur ein Laborpraktikum für das ganze Studium.



Soziales & Hochschulsport und -aktivitäten


Die größere Anzahl an Studenten bieten an einer Universität einen höheren Grad an Anonymität. Die Studentengruppen setzen sich an FH und Uni anders zusammen. So finden sich an FHs fast ausschließlich Gesellen, Techniker mit Fachhochschulreife. An der Uni hat der größte Teil der Studenten allgemeine Hochschulreife.


Die Anonymität verliert man an Unis erst mit dem Schrumpfen der Gruppen im Master auf eine Größenordnung von 10-60 Studenten. Durch die kleiner Gruppen an der FH ist der Kontakt mit Professoren und Kommilitonen persönlicher. Durch den zusätzlichen Kontakt zu den Professoren können Vorteile wie eine Anstellung als WiMi entstehen. Studentenjobs während des Studium - unabhängig von Uni oder FH - sind ein wichtiger Einstieg ins Berufsleben und sollten nicht unterschätzt werden. Selbst bei vorhandener finanzieller Absicherung sollte man abwägen, ob man über solche Stelle nicht wichtige Kontakte für Berufseinstieg, Abschlussarbeiten o.ä. bekommen kann.



Außerhalb der Vorlesungen bieten FH sowie Uni viele Exkursionen an. Diese sind häufig von den Fachschaften der verschiedenen Fächer organisiert.


Bei hochschulweiten Organisationen hat die Universität auf Grund ihrer Größe die Nase vorne. So bieten fast alle Unis große Hochschulsport Angebote an, die teilweise über 100 verschiedene Sportarten abdecken. An FHs gibt es dieses Angebot oftmals nur bei Angliederung an eine Uni in der selben Stadt.


Wer sich Hochschulpolitisch einbringen möchte hat sowohl an Uni als auch an FH genügend Möglichkeiten um aktiv zu werden z.B in Fachschaften, Studien- oder Prüfungskommissionen.



Einstieg nach dem Berufsleben & Berufschancen


Die Ausbildung der FHs ist darauf ausgelegt, dass man möglichst schnell und effizient arbeitsfähig ist. Somit ist der Bachelor an der FH bereits so umfassend, dass man direkt im Anschluss in die Wirtschaft gehen kann. Das ist eine gute Alternative, wenn man studieren und trotzdem zügig Geld verdienen möchte. Trotzdem muss man dabei bedenken, dass man mit einem Bachelor ein entsprechend seiner Branche geringeres Gehalt bekommt als mit einem Master.


Um diesen Berufseinstieg - ob nach Bachelor oder Master - zu vereinfachen, ist es an FHs nicht vorgesehen eine Abschlussarbeit an der Hochschule selbst zu schreiben. In vielen Fällen bekommt man nach der Abschlussarbeit in einer Firma ein Angebot zur direkten Übernahme.


Unis versuchen diese Vorgehensweise weitestgehend zu vermeiden, indem sie ihre Studenten die Abschlussarbeiten fast ausschließlich an ihren Instituten schreiben lassen. Gute Forschungsarbeiten bzw. gute Promotionen sind für die Uni zum Erhalt der Drittfördermittel essentiell. Deswegen ist ihr Ziel, die besten Studenten nach dem Master durch die Promotion zu schicken.

Promovieren ist ein Privileg der Universitäten. An Fachhochschulen kann eine Promotion nur in Zusammenarbeit mit einem Professor einer Universität oder als Industriepromotion stattfinden.


Abschließend zu den Gehältern kann man sagen, dass es zwar durchaus Unterschiede geben kann. Diese hängen aber von vielen Faktoren wie Branche, Berufserfahrung, Bundesland usw. ab, dass wir dazu keine genauere Aussage treffen möchten. Im Ingenieurwesen hat man im Allgemeinen sehr gute Chancen auf einen Beruf mit einem guten Gehalt.




Wechsel der Hochschule


Der Wechsel von FH zur Uni nach dem Bachelor ist möglich und machbar (von beiden Autoren gemacht) . Es gibt jedoch einiges zu beachten. Im Allgemeinen muss man bei diesem Hochschulwechsel seinen FH-Bachelor anerkennen lassen. D.h. man muss fachliche Zugangsvoraussetzungen erfüllen, wie z.B. eine gewisse Menge an Credit Points im Bereich Höhere Mathematik. Hat man nicht alle Voraussetzungen erfüllt, können sogenannte Auflagenfächer auferlegt werden. Diese müssen dann zusätzlich zu den normalen Master-Fächern bis zu einem festgelegten Zeitpunkt (z.B. vor der Masterarbeit) bestanden werden. Unabhängig von den Auflagenfächern kann man davon ausgehen, dass man zum Bestehen der Master-Fächer einiges an mathematischen Grundlagen nachholen muss. Wenn man sich schon durch die FH-Mathematik gequält hatte, sollte man sich diesen Schritt also gründlich überlegen.


Ein Hochschulwechsel innerhalb des Bachelors (ob von FH zu FH, Uni zu Uni, FH zu Uni oder Uni zu FH) ist ebenfalls möglich, allerdings verliert man hier in vielen Fällen bereits bestandende Credit Points (Erfahrung von Carolin, Wechsel im Bachelor von FH zu FH). Das kommt unter anderem durch andere Prüfungsordnungen pro Standort inkl. anderer Fachauswahl. Evtl. existieren gewisse absolvierte Fächer an der neuen Hochschule nicht oder aber man muss Zugangsvoraussetzungen wie ein Vorpraktikum nachholen. Hier muss man im schlimmsten Fall mit viel Bürokratie rechnen und die Anerkennung der gemachten Prüfungsleistungen hängt an den Professoren. Wenn dieser nicht gerechtfertigt Prüfungen nicht anerkennt, kann man sich entscheiden zwischen dem Wiederholen eines Faches oder des Hinzuziehen eines Anwalts. Diese Art von Hochschulwechsel sollte nur gewählt werden, wenn es keine andere Möglichkeit gibt wie z.B. bei einem notwendigen Umzug.


Zum Wechsel von Uni zu FH nach einem bestandenen Hochschulwechsel können wir leider keine Empfehlungen geben. Hier könnten z.B. das häufig integrierte Praxissemester vor der Bachelorarbeit an der FH oder die im Bachelor zu absolvierenden Praktika dazu führen, dass auch hier gewisse Auflagen gemacht werden müssen. Außerdem muss man entsprechend gewillt sein, die hohe Praxiserfahrungen der anderen Studenten kompensieren zu müssen.


Fazit


Zusammenfassend kann man sagen, dass ein Studium an einer Uni oder FH nicht schlechter oder besser ist, sondern es ist anders. Für die Wahl der Hochschulform sollten dementsprechend die persönlichen Ziele und Interessen ausschlaggebend sein.

Wichtig sind neben der Hochschule auch das soziale Umfeld, finanzielle Aspekte uvm. .

Ein realistisches Abwägen der Vor- und Nachteile der möglichen Hochschulen beinhaltet also durchaus mehr Punkte als nur die Ausbildung betreffend.


Grundsätzlich bilden die in diesem Artikel erwähnten Aspekte nur einen kleinen Bereich an Hochschulen ab, deswegen können eigene Erfahrungen natürlich anders sein.

Wenn du andere Erfahrungen gemacht hast, würden wir uns freuen wenn du sie uns entweder als Kommentar unter dem Beitrag oder als E-Mail an blog@chuertgen.de zukommen lässt. Wir freuen uns über jede Rückmeldung!

Sven Wienand & Carolin Hürtgen

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